Veraltete Leitlinien, reale Folgen: Überholte Ernährungsempfehlungen zu Fett, Ei und Gluten und ihre Konsequenzen für Gesundheit und Gesundheitssystem
- Fett: Die Low-Fat-Doktrin veranlasst Menschen, Fett insbesondere durch raffinierte Kohlenhydrate zu ersetzen – was das Fettleber oder Diabetesrisiko nachweislich erhöht, statt senkt.
- Ei: Die DGE-Empfehlung von einem Ei pro Woche wurde aus Klimagründen gesenkt, wird in der Öffentlichkeit aber fälschlicherweise als kardiovaskuläre Warnung kommuniziert.
- Gluten: EU-Kennzeichnungslogiken etablieren glutenfreie Ernährung als implizites Gesundheitsmerkmal. Für Menschen ohne Zöliakie gibt es dafür keinen wissenschaftlichen Beleg.
- Die Forderung: Gesundheitsempfehlungen, -leitlinien und EU-Vorgaben/Verordnungen/Gesetze müssen den aktuellen Forschungsstand konsequenter berücksichtigen. Ein offener wissenschaftlicher Dialog ist notwendig, um bestehende Kommunikationsfehler zu erkennen und
- zu korrigieren.
- Das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH) und PhDr. Sven-David Müller, M.Sc., staatlich geprüfter Diätassistent, Diabetesberater der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Autor von mehr als 200 Ratgebern, warnen: Veraltete Ernährungsempfehlungen gefährden die Gesundheit der Bevölkerung und belasten das Gesundheitssystem mit vermeidbaren Kosten.

Berlin, 27. Mai 2026 – Ernährungsmythen entstehen nicht nur in sozialen Netzwerken. Viele der hartnäckigsten Fehlinformationen über gesunde Ernährung stammen aus einer weitaus weniger verdächtigen Quelle: aus offiziellen Leitlinien, Broschüren gesetzlicher Krankenkassen und europäischen Kennzeichnungsvorschriften. Anlässlich des World Digestive Health Day nehmen das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH) und der Ernährungs- und Gesundheitswissenschaftler PhDr. Sven-David Müller drei solche institutionalisierten Fehlinformationen unter die Lupe und zeigen, was aktuelle Forschung stattdessen sagt. Denn veraltete Empfehlungen haben reale Konsequenzen: Fehlinformationen aus offiziellen Quellen beeinflussen täglich Ernährungsentscheidungen von Millionen Menschen, tragen zur Entstehung vermeidbarer chronischer Erkrankungen bei und führen letztlich zu erhöhten Kosten für das Gesundheitssystem.
„Gesundheitsempfehlungen, die von offiziellen Stellen ausgehen, sind nicht automatisch evidenzbasiert. Beim Fett, beim Cholesterin, beim Ei und beim Gluten zeigt die aktuelle Wissenschaft: Die institutionelle Kommunikation hat die Evidenz aus den Augen verloren“, sagt Felix Große-Plankermann, Geschäftsführer des FEBPH. Öffentliche Institutionen tragen hier eine besondere Verantwortung. Leitlinien und Empfehlungen, die nicht mit dem aktuellen Forschungsstand Schritt halten, können das Vertrauen der Bevölkerung in die Gesundheitskommunikation nachhaltig beschädigen.
Die Low-Fat-Lüge: Wie eine jahrzehntelange Leitlinienempfehlung Fettleber und Diabetes mellitus Typ 2 befördert hat
Seit den 1970er-Jahren lautet eine der zentralen Botschaften in Ernährungsleitlinien, Krankenkassenbroschüren und staatlichen Gesundheitskampagnen: Fett reduzieren, Herzerkrankungen vermeiden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die WHO und zahlreiche Krankenkassen empfehlen bis heute, die Fettaufnahme auf maximal 35 Prozent der Tagesenergie zu begrenzen, gesättigte Fettsäuren auf höchstens 10 Prozent1. Krankenkassen kommunizieren ergänzend, bei erhöhten Cholesterinwerten die Fett- und Cholesterinzufuhr generell zu senken.
Was diese Botschaft außer Acht lässt: Die DGE stellte in ihrer eigenen Leitlinie bereits 2015 fest, dass kein gesicherter Zusammenhang zwischen der Menge an Gesamtfett und dem Risiko für koronare Herzkrankheit besteht2. Entscheidend ist nicht die Fettmenge, sondern die Qualität der Fettsäuren und vor allem, womit Fett im Alltag ersetzt wird. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren senken das Herzrisiko tatsächlich. Raffinierte Kohlenhydrate hingegen, auf die viele Menschen beim Weglassen von Fett instinktiv ausweichen, erhöhen das Fettleber und Diabetes mellitus (Typ 2) -Risiko3.
Harvard-Forscher bezeichneten vier Jahrzehnte Low-Fat-Politik rückblickend als „gescheitertes Experiment“4. Die Konsequenzen sind messbar: steigende Raten von Übergewicht und Adipositas, Typ-2-Diabetes mellitus und nicht-alkoholischer Fettleber5. „Eine fettreiche Ernährung kann sehr gesund sein, wenn die richtigen Fette gewählt werden“, sagt PhDr. Sven-David Müller, ernährungsmedizinischer Wissenschaftler. „Was uns die Low-Fat-Welle hinterlassen hat, ist eine Generation, die Fett fürchtet und stattdessen Zucker und Weißmehl konsumiert. Die Konsequenzen für Leber und Stoffwechsel sehen wir täglich in der Praxis.“
Ein Ei pro Woche: Eine Klimaempfehlung, die als Herzwarnung verstanden wird
Im März 2024 aktualisierte die DGE ihre Ernährungsempfehlungen und senkte die empfohlene Eierverzehrmenge auf ein Ei pro Woche. In Gesundheitsportalen, Patientenmedien und Krankenkassen-Publikationen wurde die Empfehlung umgehend auch als kardiovaskuläre Warnung weitertransportiert. Was dabei kaum kommuniziert wurde: Die DGE begründete die Revision ausdrücklich mit ökologischen und Nachhaltigkeitserwägungen, nicht mit neuen medizinischen Erkenntnissen6. Zur gesundheitlichen Wirkung von Eiern räumte die DGE selbst ein, dass die Studienlage „weder eindeutig negativ noch eindeutig positiv“ sei. Studien zeigen, dass maximal ein Ei täglich das Herzinfarktrisiko nicht erhöht oder sogar reduzieren kann7, fasst Sven-David Müller aktuelle Studien zusammen.

Die aktuelle Wissenschaft zeichnet ein klares Bild. Der PROSPERITY Trial, eine der bislang umfangreichsten klinischen Untersuchungen zum Thema Ei und Herzgesundheit, präsentiert beim American College of Cardiology 2024, untersuchte den Verzehr von bis zu zwölf Eiern pro Woche über mehrere Monate und fand keine signifikanten negativen Auswirkungen auf das Lipidprofil. In der Subgruppe älterer Teilnehmer und Diabetiker zeigten sich sogar Tendenzen zur Verbesserung der Blutfettwerte8. Eine 2025 im Fachjournal PubMed publizierte Studie kommt zu einem weiteren wichtigen Befund: Nicht das Nahrungscholesterin aus Eiern erhöht den LDL-Spiegel, sondern gesättigte Fettsäuren. Zwei Eier täglich als Teil einer Ernährung, die arm an gesättigten Fettsäuren ist, können schädliche LDL sogar senken9.
„Es ist heute Stand der Wissenschaft, dass Hühnereier bei praktisch allen Menschen kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko erzeugen, einschließlich vieler Risikopatienten wie Diabetiker“, sagt Sven-David Müller. „Dass eine Nachhaltigkeitsempfehlung in der Öffentlichkeit als Herzschutz-Maßnahme ankommt, ist ein Musterbeispiel dafür, wie institutionelle Kommunikation Fehlinformationen produziert, ohne es zu beabsichtigen.“
Glutenfrei ohne Grund: Wie EU-Verordnungen eine Diät ohne Nutzen salonfähig machen
Glutenfreie Lebensmittel sind ein weltweiter Wachstumsmarkt. In Deutschland und ganz Europa dürfen Produkte offiziell als „glutenfrei“ gekennzeichnet werden, geregelt durch die EU-Verordnung Nr. 828/201410. Gleichzeitig schließt die EU Health Claims Regulation (EG) Nr. 1924/2006 keine negativen Gesundheitsaussagen über Gluten für Gesunde ein, sodass Glutenfreiheit als implizit wünschenswertes Merkmal im Markt verbleibt11. Die Kennzeichnung richtet sich an niemanden im Besonderen: Eine medizinische Indikation beim Käufer ist nicht erforderlich.

Das Ergebnis: Glutenfreiheit hat sich als implizites Gesundheitsmerkmal etabliert12, befeuert durch Influencer, Produktkennzeichnungen und Gesundheitsmedien, die nicht klar zwischen Zielgruppen differenzieren. Die Datenlage ist dabei eindeutig. Für Menschen ohne Zöliakie, Weizenallergie oder nachgewiesene Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität gibt es keine Evidenz für einen gesundheitlichen Nutzen einer glutenfreien Ernährung13.
Eine Studie mit über 100.000 Teilnehmern, publiziert im British Medical Journal, fand keinen Zusammenhang zwischen Glutenverzehr und dem Risiko für koronare Herzkrankheit bei Gesunden14. Im Gegenteil: Glutenfreie Produkte weisen häufig Defizite bei Ballaststoffen, Folsäure, Eisen, Zink, Magnesium und Kalzium auf15. Einzelne Untersuchungen verweisen zudem auf erhöhte Schwermetallspiegel bei Menschen, die ohne medizinische Notwendigkeit dauerhaft glutenfrei essen. Natürlich führt eine glutenfreie Ernährung auch nicht zur Gewichtsreduktion und kann sogar das Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2 steigern16.
Sven-David Müller, der selbst an Zöliakie erkrankt ist, betont die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung: „Für Menschen mit Zöliakie ist eine glutenfreie Ernährung lebensnotwendig. Für alle anderen ist sie in der Regel weder nötig oder sinnvoll noch frei von Risiken. Dass diese Unterscheidung in der öffentlichen Kommunikation verloren gegangen ist, hat reale Folgen für die Nährstoffversorgung und das Krankheitsrisiko der Bevölkerung.“
Fett, Cholesterin, Ei und Gluten stehen exemplarisch für ein strukturelles Problem in der öffentlichen Gesundheitskommunikation: Empfehlungen, die einmal in Leitlinien, Krankenkassenbroschüren und Kennzeichnungsvorschriften verankert wurden, werden weitergetragen, auch wenn die Wissenschaft längst differenziertere Erkenntnisse liefert. Die Folgen sind messbar – in steigenden Raten chronischer Erkrankungen, Übergewicht und Adipositas sowie in wachsendem Misstrauen gegenüber institutionellen Gesundheitsbotschaften. Das FEBPH und PhDr. Sven-David Müller sehen den World Digestive Health Day als Anlass, diesen Prozess sichtbar zu machen und eine konsequentere Aktualisierung offizieller Empfehlungen einzufordern.
Über das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH)
Das Forum for Evidence-Based Preventative Health (FEBPH) gGmbH ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Berlin. Es positioniert sich als Verbindungsglied zwischen Wissenschaft, Medien und Gesundheitspolitik und hat sich der evidenzbasierten Aufklärung über Prävention und öffentliche Gesundheitskommunikation verschrieben. Das FEBPH wurde von Prof. Dr. Frank-Ulrich Fricke und Felix Große-Plankermann gegründet. Hier erfahren Sie mehr: evidence-based-health.org.
Über Sven-David Müller
Sven-David Müller (56) aus Salzgitter ist im Alter von sechs Jahren an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt und diese chronische Krankheit prägte seinen Weg in die Ernährungsberatung und ernährungsmedizinische Wissenschaft. Für seine gemeinnützige Arbeit im Ernährungsbereich wurde er unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz oder dem Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft der Albert Schweitzer Gesellschaft ausgezeichnet. Nach der Ausbildung zum Diätassistenten und der Weiterbildung zum Diabetesberater DDG studierte er angewandte Ernährungswissenschaft und Public Health. Er ist Master of Science und PhDr. An der Donau Universität Krems, der Fresenius Hochschule, der SRH Hochschule und der Karl Landsteiner Universität Krems hält er regelmäßig Vorlesung. Aus seiner Feder stammen mehr als 200 Publikationen. Sven-David Müller wurde zum Ehrenmitglied des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin ernannt.
Ernährungspublizist und Influencer (https://www.instagram.com/svendavidmueller/)
www.svendavidmueller.de / sdm@svendavidmueller.de
Literatur
1. DGE-Referenzwerte: „D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Fett“: Die DGE empfiehlt eine Gesamtfettzufuhr von 30% der Energiezufuhr für Erwachsene.; https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/fett/; WHO Factsheet: „Healthy diet“ (2020, aktualisiert 2023) – empfiehlt Fettaufnahme unter 30% der Gesamtenergiezufuhr, gesättigte Fettsäuren unter 10%.; https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/healthy-diet
2. DGE-Leitlinie Fett 2015, Kapitel 9: „Fettzufuhr und Prävention der koronaren Herzkrankheit“; https://www.dge.de/fileadmin/dok/wissenschaft/leitlinien/fette/09-koronare-Herzkrankheit-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf
3. DGE-Leitlinie Fett 2015, Volltext (Zusammenfassung der Ergebnisse, S. 12); https://www.dge.de/fileadmin/dok/wissenschaft/leitlinien/fette/12-Zusammenfassung-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf
4. Harvard T.H. Chan School of Public Health (2016): „Forty Years of Low-Fat Diets: A Failed Experiment“; https://hsph.harvard.edu/news/low-fat-diets-failed-experiment/
5. Tufts Health & Nutrition Letter: „Why the Low-Fat Diet Failed“; https://www.nutritionletter.tufts.edu/healthy-eating/why-the-low-fat-diet-failed/
6. Natürlich Medizin / Thieme: „Wie viele Eier sind gesund?“ (2025, Auswertung der DGE-Begründung); https://natuerlich.thieme.de/aktuelles/nachrichten/detail/wie-viele-eier-sind-gesund-4189
7. Drouin-Chartier, J. P., et al. (2020). Egg consumption and risk of cardiovascular disease: three large prospective US cohort studies, systematic review, and updated meta-analysis. The BMJ.; Krittanawong, C., et al. (2020). Association Between Egg Consumption and Risk of Cardiovascular Disease: A Meta-Analysis. The American Journal of Medicine.; Dehghan, M., et al. (2020). Association of egg intake with blood lipids, cardiovascular disease, and mortality in 177,000 individuals in 30 countries. AJCN.
8. Nouhravesh et al. (2025): „Effects of fortified eggs and time-restricted eating on cardiometabolic health: The PROSPERITY Trial.“ American Heart Journal, 279:27–39.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39414223/; Ergänzend: ACC-Pressemitteilung (2024):https://www.acc.org/about-acc/press-releases/2024/03/28/11/43/eggs-may-not-be-bad-for-your-heart-after-all
9. PubMed 2025: „Impact of dietary cholesterol from eggs and saturated fat on…“; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40339906/
10. Europäische Kommission, DG SANTE: „Gluten-free food“Offizielle Seite mit Verweis auf die Verordnung und deren Anwendungsbereich.; https://food.ec.europa.eu/food-safety/labelling-and-nutrition/specific-groups/gluten-free-food_en
11. Europäische Kommission, DG SANTE: „Nutrition and Health Claims“ Offizielle Seite mit Erläuterung des Regelungsrahmens.; https://food.ec.europa.eu/food-safety/labelling-and-nutrition/nutrition-and-health-claims_en
12. Splendid Research / Deutschland (2020): Laut der Studie haben 94 Prozent der Personen mit nachgewiesener Zöliakie oder Glutensensitivität bereits glutenfreie Ersatzprodukte gekauft – aber auch 86 Prozent der Personen ohne entsprechende Diagnose.; https://www.splendid-research.com/de/statistik/studie-glutenfreie-ersatzprodukte-2020/
13. Lebwohl et al. (2017): „Long term gluten consumption in adults without celiac disease and risk of coronary heart disease.“ BMJ 357:j1892.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28465308/
14. Lebwohl et al. (2017), BMJ 357:j1892; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28465308/; Präzisierung: Die Studie umfasste 64.714 Frauen (Nurses‘ Health Study) und 45.303 Männer (Health Professionals Follow-up Study), insgesamt rund 110.000 Teilnehmer über 26 Jahre.
15. Penagini et al. (2013) / Vici et al. (2016): „Gluten free diet and nutrient deficiencies: A review.“ Clinical Nutrition.; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27211234/
16. Lebwohl, B., et al. (2017). Long term gluten consumption in adults without celiac disease and risk of coronary heart disease: prospective cohort study. The BMJ